TEST // CHOCOLATE FACTORY

TEST // CHOCOLATE FACTORY

Jedes Kind mag Schokolade, aber die meisten stellen sich nie die Frage, wo diese überhaupt herkommt. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts die ersten massenproduzierten Schokoladenriegel das Fließband verließen, brach das goldene Zeitalter der Schokolade an und jeder wollte etwas vom Schokokuchen abhaben. Genau dort setzt das Spiel CHOCOLATE FACTORY an. Um die Frage zu beantworten, wie zur Konfitüre ein Brettspiel in einer Schokoladenfabrik aussehen soll, müssen wir unser goldenes Ticket einlösen und einen genaueren Blick in die Fabrik werfen.

 

chocolate factory info

Für diesen Test wurde uns eine Kopie von CHOCOLATE FACTORY von Alley Cat Games zur Verfügung gestellt. Dies hat natürlich keinerlei Einfluss auf diese Rezension.

 

Schokolade! Überall Schokolade!

Bei CHOCOLATE FACTORY übernehmen die Spieler die Rolle von Schokoladenfabrikinhabern, deren Fabriken sich grade im Aufbau befinden. Durch die Erfüllung von Bestellungen der örtlichen Läden und Großhändler versuchen die Spieler, so viel Geld wie möglich zu verdienen, um ihre Fabrik auszubauen und damit zum führenden Chocolatier gekürt zu werden.

 

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Aber wie funktioniert dies nun im Detail?

Jeder Spieler erhält ein Spielertableau, auf dem die anfängliche Fabrik abgebildet ist. Jede Fabrik ist zu Beginn des Spiels identisch. Sie besitzen aufgedruckte Maschinen, die zur Herstellung von einfachen Schokoladenriegeln nützlich sind, und in der Mitte des Spielertableaus befindet sich ein Fließband, das sich vom Rest des Spielplans etwas absetzt, damit Palletten ohne Probleme über das Fließband geschoben werden können. In der Spieltischmitte befindet sich die Übersicht über die zu beliefernden Großhändler, die Punkteleiste und die Anzeige, welcher Wochentag in der Runde gespielt wird.

CHOCOLATE FACTORY wird über 6 Runden gespielt (Montag bis Samstag). Jeder Wochentag bringt immer mehr Ressourcen, um die Maschinen in der Fabrik zu befeuern. Während am Anfang des Spiels (also am Montag) noch relativ wenig Ressourcen (in diesem Fall Kohle) zur Verfügung stehen, um die Maschinen in Betrieb zu nehmen, ändert sich dies bis zum Ende des Spiels stark. Wichtig hierbei ist, dass jeder Spieler die gleiche Anzahl Ressourcen und somit die gleichen Chancen hat, diese einzusetzen. Den großen Unterschied machen die speziellen Maschinen und Gehilfen, die der Fabrik in jeder Runde hinzugefügt werden können. In Phase 1 des Spiels werden 5 Maschinen und 5 Gehilfen aufgedeckt, die je nach Spieleranzahl zu unterschiedlichen Sets zusammengelegt werden. Bei einem 2-Spieler-Spiel gibt es 2 Sets. 1 Set besteht aus 3 Gehilfen, das andere aus 2 Gehilfen. Das gleiche wird mit den Maschinen gemacht. (Bei 3 Spielern ist die Aufteilung zum Beispiel 2/2/1.) Diese Aufteilung ist relevant, da sich nun der Startspieler zwischen einem der vier Sets entscheiden muss. Sobald dieser eines gewählt hat, ist der nächste Spieler an der Reihe bis jeder Spieler eines der Sets gewählt hat. Danach beginnt das Wählen von neuem, nur müssen die Spieler nun die jeweils andere Set-Art wählen. Entscheidet sich ein Spieler bei der ersten Wahl für eines der Maschinen-Sets, so muss er bei der zweiten Wahl eines der Gehilfen-Sets wählen. Ist dies geschehen, wählen die Spieler jeweils eine Maschine und einen Gehilfen aus den gewählten Sets aus und legen diese zu ihrer Fabrik. Die Maschine muss sogar direkt in die Fabrik eingebaut werden, da sie gleich zum Einsatz kommen kann. Aber Vorsicht! Einmal gebaut kann die Maschine nicht mehr bewegt, sehr wohl aber überbaut werden. Anders als Maschinen die dauerhaft bleiben, bleiben Gehilfen nur für die Dauer eines Tages (also für eine Runde) bei dem jeweiligen Spieler. Die Gehilfen sind dabei für 2 Dinge wichtig. Zum einen hat jeder Gehilfe einen Effekt, den die Spieler im Laufe der aktuellen Runde benutzen können. Zum anderen gehören die Gehilfen einem der 5 Großhändler an, die sich in der Mitte des Spieltisches befinden. Nur wer einen passenden Gehilfen hat, kann einen dieser Großhändler mit Waren beliefern, was für die Endwertung sehr wichtig ist!

 

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Beliefert ein Spieler einen Großhändler, so kann er seinen Fortschrittsmarker bei diesem Großhändler um ein Feld vor bewegen. Der Spieler, der bei dem jeweiligen Großhändler den meisten Fortschritt erzielt hat, erhält 16 Punkte. Der Spieler der am zweitmeisten, aber mindestens halb so viel Fortschritt wie der erste Platz erreicht hat, erhält 8 Punkte und der dritte Spieler nach den gleichen Regeln anschließend 3 Punkte. Ein ausgeglichener Einsatz von Gehilfen und ein guter Überblick darüber, welcher Mitspieler versucht, bei welchem Großhändler Fortschritte zu erzielen, können beim Spieldurchlauf nicht schaden!

Sobald Phase 1 abgeschlossen ist, beginnt Phase 2: Die Produktion der Schokolade! Während eines Tages werden dafür 3 Paletten bestückt mit Kakaobohnen in die Fabrik gefahren. Die Kakaobohne muss dann in jedem Arbeitsschritt der Fabrik verfeinert und schließlich in das Lager gebracht werden. Dieser Prozess wird durch die Maschinen gesteuert, die durch die Hinzugabe von Kohle aktiviert werden und für jede Schicht (also jede der 3 Kakaobohnen) genutzt werden können, solange die Kakaobohnen diese Station auch am Fließband passieren und genügend Kohle vorhanden ist. Ein typischer Ablauf sieht dabei so aus, dass eine Kakaobohne in die Fabrik kommt, dort zuerst zu Kakao verarbeitet wird und der Kakao dann schlussendlich entweder zu einem breiten oder zu einem länglichen Schokoriegel verarbeitet wird. Je nach dem, welche Wahl die Spieler dabei treffen, können die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen. So können manche Maschinen besser mit breiten Schokoriegeln, andere wiederrum eher mit länglichen Schokoriegeln arbeiten. Im weiteren Verlauf können diese Schokoriegel dann verpackt und danach in Pralinenschachteln verstaut werden. Diese große Vielfalt an Optionen ist wichtig, da die Bestellungen der Großhändler meist sehr unterschiedlich sein können. Während der eine Großhändler nur Pralinenschachteln möchte, verlangt der nächste nur unverpackte Schokolade und so weiter. Da aber die Großhändler erst zum Ende des Spiels Punkte einbringen, sind in Phase 3 die kleineren Händler viel wichtiger. Jeder Spieler hat individuelle „Corner-Shops“, die er beliefern kann. Dabei ist ein kleiner, ein mittelgroßer und ein großer Laden vertreten, die verschiedene Bestellungen an die Spieler aufgeben, jedoch für die Erfüllung dieser Bestellung sofort Bares springen lassen (ergo Siegpunkte). Außerdem erhält der Spieler, der am Ende des Spiels die meisten „Corner Shop“-Aufträge erfüllt hat, zusätzliche Bonuspunkte.

 

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Auf die gleiche Weise wird jede der 6 Runden abgehandelt, bis schlussendlich die Endauszählung erfolgt und ein neuer Meister Chocolatier gekürt werden kann.

 

Der Einzelspieler 

CHOCOLATE FACTORY bietet für besonders Mutige außerdem einen Einzelspielermodus an. Dieser ist aber bereits nach dem Regelwerk eher für erfahrene Spieler ausgelegt, die eine Herausforderung suchen. Bei diesem Modus tritt ein Spieler gegen das Spiel an, indem er eine Wochenaufgabe erfüllen muss, die an verschiedene kleinere Bestellungen geknüpft ist. Dafür bietet das Spiel ein gesondertes Kartendeck an, das aus wöchentlichen Zielen und Bestellungen besteht. Der Ablauf des Spiels bleibt im Großen und Ganzen unverändert, jedoch hat der Spieler das Wochenziel immer vor Augen, das jeden Tag mit neuen Bestellungen angereichert wird, um die es sich zeitgleich zu kümmern gilt. Diese Bestellungen können zum Beispiel fordern, dass 5 Stücke einer speziellen Schokoladenart geliefert werden sollen oder einen Geldwert festsetzen, den der Spieler zum Ende der Woche erreicht haben muss. Erst wenn alle Aufgaben und das Wochenziel innerhalb der 6 Runden erfüllt sind, gewinnt der Spieler. Andernfalls verliert er und kann sein Glück aufs Neue versuchen.

 

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Was ist in der Box?

CHOCOLATE FACTORY kommt mit einer Vielzahl spezieller Holzmarker und schön designter Karten um die Ecke. Insgesamt befinden sich 54 „Corner Shop“-Karten, 35 Gehilfen-Karten, 30 Fabrikmaschinen-Karten, 40 Kohle-Marker, 12 Pralinenschachtel-Marker, 40 Schokoladenriegel-Marker (20 breit und 20 lang), 16 Karamellbonbon-Marker, 16 Nussbonbon-Marker, 16 Kakao-Marker, 24 Kakaobohnen-Marker, 30 Palletten für das Fließband, 4 Spielertableaus, 4 Referenz-Karten und der zentrale Spielplan in der Box.

Besonders stechen die insgesamt 124 Holzmarker für die verschiedenen Arten von Schokolade hervor, da diese nicht nur farblich unterschiedlich sind, sondern auch in ihrer Form dem entsprechen, was sie in Wirklichkeit darstellen sollen.

 

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Das Regelbuch erklärt die Regeln sehr gut und verständlich. Es benutzt viele vereinfachende Abbildungen und Beispiele, sodass viele Fragen schnell beantwortet werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass dem Regelbuch ein FAQ mit den am häufigsten gestellten Fragen bereits auf den letzten Seiten angehängt wurde, um eventuelle Unklarheiten effektiv zu beantworten. Es muss aber bedacht werden, dass die uns vorliegende Version in englischer Sprache geschrieben worden ist und daher ein Grundverständnis in Englisch voraussetzt! Im Spiel selbst funktioniert sehr vieles über Symbole, wohingegen aber auch die Texte auf den Gehilfen, auch wenn sie kurz und prägnant geschrieben sind, in Englisch sind. 

Die Artworks der Karten und des Spielplans sind sehr passend gewählt, da besonders durch diese das richtige Gefühl für eine Schokoladenfabrik zum Ende des 19. Jahrhunderts aufkommt.


 

deniz meine meinung überschrift

Als ich meiner Spielergruppe CHOCOLATE FACTORY vorstellte, zeigten sich die meisten schon von der Thematik begeistert. Ein Brettspiel, bei dem man Schokolade herstellt, während man sich im Bestfall die ganze Zeit mit echter Schokolade vollstopft? Genial! Trotz seiner weichen Toffee-Schale, zeigte sich aber auch schnell der harte Nusskern des Spiels. CHOCOLATE FACTORY ist ein hartes Brett. Die Entscheidungen, die die Spieler treffen müssen, besonders beim Bauen der Maschinen, können Folgen für den gesamten Spielablauf haben. Das Spiel ließ uns jeden Fehler, den wir machten, knallhart spüren. Jedoch zeigte sich hier eine Besonderheit im Spiel. Die meisten Fehler bemerkten wir erst im späteren Spielverlauf, da sie erst dort zum Tragen kamen. Besonders ist daran, dass CHOCOLATE FACTORY, obwohl es so eine hohe Komplexität im späteren Spielverlauf aufzeigt, einen sehr einsteigerfreundlichen Anfang hat.

Dadurch, dass die Mechanik des Spiels mit jeder Runde weiter ausgebaut wird, indem neue Maschinen hinzukommen, ist das Spiel zu Beginn noch relativ klar und leicht verständlich, was eine Regelerklärung relativ einfach macht. Viele Maschinen bringen auch keine großartigen Veränderungen, sondern verbessern meist nur bereits bestehende Maschinen um ein vielfaches, also ist auch hierbei eine gewisse Einsteigerfreundlichkeit gegeben. Die Komplexität liegt aber im Detail. „Wo baue ich welche Maschine hin, um den maximalen Effekt zu erzielen?“ „Welchen Gehilfen muss ich wählen, um welchen Großhändler am effektivsten beliefern zu können?“ „Welche Endwertungsbedingungen muss ich im Auge behalten, um den bestmöglichen Effekt zu erzielen?“. CHOCOLATE FACTORY funktioniert nach dem altbewährtem System „Easy(-ish) to learn hard to master”.

Für Strategiespieler sei gesagt, dass sich der Glücksfaktor des Spiels sehr in Grenzen hält, aber dennoch vorhanden ist. Besonders bei den „Corner-Shop“-Karten kann es passieren, dass die Karten genau die Ressource verlangen, die in der eigenen Fabrik am wenigsten produziert wird. Zwar kann dies mit den anderen Karten kompensiert werden, aber in einem sehr ungewöhnlichen Fall könnte es auch passieren, dass dies alle Karten gleichzeitig betrifft (die Chancen dazu sind aber schwindend gering).

Besonders bei einem 4-Spieler-Spiel qualmen die Köpfe, da nicht nur die eigene Agenda, sondern auch die Zielsetzung jedes einzelnen Mitspielers im Blick gehalten werden muss, um eine Chance auf den Titel des Meister Chocolatiers zu haben.

CHOCOLATE FACTORY ist nach unserer Meinung ein gehobeneres Kennerspiel, da es auch aufgrund seiner 60-90 Minuten Spielzeit und des gehobenen Anspruches kein Spiel ist, das „mal eben“ herausgeholt wird. Je nach Gruppe müssen die Gemüter vermutlich auch wieder mit einem kühlen Glas Kakao etwas abgekühlt werden, da CHOCOLATE FACTORY teilweise sehr kompetitiv werden kann.

Negativ aufgefallen ist uns nur eine Sache: Nach einer gewissen Zeit und ein paar Spielrunden ist eine fehlende Variation deutlich spürbar. Zwar gibt es viele Gehilfen- und Maschinen-Karten, jedoch ist bei einem normalen Spielablauf nicht die Frage, welche Karten im Spielverlauf auftreten, sondern wann diese vorkommen, da fast jede Karte während eines Spielablaufs vorkommt. Hier ist noch Luft nach oben gegeben, was vielleicht auch mit möglichen Erweiterungen abgedeckt werden könnte.

Meine persönliche Faszination für dieses Spiel ist dadurch aber nur gestiegen. Bei CHOCOLATE FACTORY haben die Spieler die Kontrolle über ihr eigenes Spiel zu einem Großteil selbst in der Hand, da der Glücksfaktor, der nur durch das Ziehen von Gehilfen- und Maschinenkarten auftritt, durch gutes und geschicktes Planen umgangen werden kann. Wenn jemand bei unseren Spielen verloren hat, dann war das nicht dem Glück geschuldet, sondern den eigenen Fehlern im Spiel. Und genau das macht CHOCOLATE FACTORY für mich zu einem ganz besonderen Spiel, das sich seinen Platz in meiner Sammlung redlich verdient hat und mit ziemlicher Sicherheit immer wieder auf den Tisch kommen wird, wenn ich meinen Freunden die Schokoladenseite der Kennerspiele zeigen möchte.

Das Spiel ist bei Weitem nicht perfekt und ich verstehe, wenn jemand vom Anspruch des Spiels abgeschreckt wird, aber wer ein Kennerspiel sucht, das eine besondere Farbnote auf den Spieltisch bringt, dann könnte CHOCOLATE FACTORY eine Versuchung Wert sein.

 

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Bilder vom Spiel

  

Tags: Engine Builder, Ressoucenmanagement, 60-90 Minuten, 1-4 Spieler

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