REPORT // Handelskrieg hat Auswirkungen auf die Spielebranche

REPORT // Handelskrieg hat Auswirkungen auf die Spielebranche

Schon seit geraumer Zeit diskutieren wir intern, ob der Handelskrieg zwischen der USA und China Auswirkungen auf die Brettspielszene haben könnte. Doch nur ein Insider der Branche, am besten aus der USA kann das versiert einschätzen. Auf Polygon.com hat dies Mike Selinker getan. Er ist seit rund 30 Jahren in der Branche als Spieleentwickler aktiv und somit ein Urgestein. Zu seinem Werk zählen Spiele wie „Pathfinder Adventure Card Game“ und als Redakteur war er zum Beispiel an „Avalon Hill“ beteiligt. Auch als Verleger hat er bereits Erfahrung gesammelt und zum Beispiel Spiele wie „Apocrypha“, „Thornwatch“, und „The Ninth World“ produziert.

Tatsächlich ist es so, dass in dem neusten angekündigten Strafzollpaket der USA unter der Unterposition 9504.90.60 Brettspiele und Würfel enthalten sind. Die Zölle von 25% sind angekündigt, doch wann und ob sie in Kraft treten ist bei all den Wirren der amerikanischen Administration unklar. Es könnte der 15. Juni sein, aber auch früher oder später passieren. Wer die letzten Entwicklungen beobachtet hat, darf nicht davon ausgehen, dass die Beteiligten, allen voran der amerikanische Präsident einen kühlen Kopf bewahrt und eine weitere Runde im Handelskrieg auslässt.

Welche Auswirkungen wird es haben?

Die Frage die sich Spieler und Spielerinnen in Deutschland stellen dürften, ist ob es Auswirkungen für Deutschland haben könnte. Tatsächlich gibt es mehrere Ebenen, die sich auch auf die Spielebranche auswirken könnten. Der Autor des Meinungsartikels auf Polygon ist das sehr deutlich. Wir zählen hier die potentiellen Gefahren auf:

Spiele werden teurer – auch für Europäer

Viele Spiele finden ihren Ursprung mittlerweile in der USA. Wer Kickstarter verfolgt sieht dort zahlreiche Verlage, die in Amerika ansässig sind und auch sonst gibt es einige große amerikanische Verlage, die relevante Titel veröffentlichen.

Wie in Deutschland sind auch in der USA verkaufte Spiele in der Regel in China produziert. In den letzten 10 Jahren ist ein Großteil der Produktion nach China abgewandert. Aktuell war das für viele Verlage eine brauchbare und günstige Option, die sich trotz der Transportkosten immer gerechnet hat und geholfen hat bei sanft steigenden Preisen die Produktionsqualität nach oben zu steigern.

Nun stehen die Verlage vor einer ungewissen Zukunft, denn die Produktionskosten dürften schon bald, bedingt durch die Strafzölle der USA, um 25% steigen. Natürlich ist der Produktionspreis deutlich niedriger als der spätere UVP. Laut Selinker liegen die Produktionskosten bei rund 20% des späteren UVPs. In der Regel behält ein Verlag 40% vom UVP, das bedeutet 20% Gewinn pro verkauften Spiel. 60% behält der Einzelhandel, der aber auch das finanzielle Risiko trägt auf den Spielen sitzen zu bleiben. Zudem verkaufen Händler Brutto und müssen noch Steuern vom Verkaufspreis zahlen.

Da auch in der USA die SpielerInnen preissensibel sind und der Konkurrenzkampf stark angestiegen ist, ist der UVP nur sehr selten realistisch. Tatsächlich gehen die Spiele oft günstiger über die Theke, die oftmals nur noch digital ist. In Deutschland ist die Situation identisch, das beklagte bzw. beschrieb Brancheninsider Benjamin Schönheid mal sehr ausführlich in einem Podcast.

Sollte nun der Preis eines Spieles in der Produktion um 25% steigen, dann würde das bei 15 $ eine Kostensteigerung von 3,75 $ bedeuten. Der Gewinn pro Spiel würde damit von 15 $ auf 11,25 € einbrechen, sofern, der Verlag den Preis nicht weitergeben will.

Das wird auf Dauer nur schwer funktionieren, denn vom Gewinn müssen Mitarbeiter bezahlt werden und alle anderen Kosten getragen werden. Der logische Schluss ist den Preis anzuheben. Diese würde bedeuten, das ein 75$ Spiel auf einmal auf 93,75 $ kosten müsste, damit der Verlag so wie zuvor über die Runden kommen kann.

Doch wie betrifft das Deutschland?

Jetzt haben wir lang und breit über $-Preise gesprochen und man könnte leicht dazu übergehen, dass es uns nicht betreffen wird. Dabei darf jedoch nicht die Vernetzung der globalen Wirtschaft vergessen werden.

Es gibt amerikanische Verlag, wie zum Beispiel Fantasy Flight Games, die eine Auflage produzieren und nur Druckplatten in der Produktion tauschen, um lokale Versionen zu erzeugen. Das bedeutet es gibt eine reine Geschäftsbeziehung zwischen einem US-Unternehmen und China. Zum einen sind die Produktionskosten durch die hohe Gesamtauflage günstiger, doch bezogen auf die Zölle wird es Auswirkungen haben, denn auch „unsere“ deutsche Version wird dann von den Zöllen betroffen sein.

Doch was auch beachtet werden muss ist, dass viele der weltweit größten Produzenten ihren Hauptsitz in Amerika haben und in China produzieren lassen Selinker nennt als größte Produzenten Firmen wie Panda, Longpack, Whatz Games, Regent, Gameland, AdMagic und andere.

Anders als in Europa gibt es in Amerika nur eine große Alternative: den Produzenten Cartamundi. Dieser Hersteller hat seine Zentrale in Belgien aber wohl zwei Produktionsstädten in Amerika, die teurer, aber trotzdem sehr gut durch Großkunden ausgelastet sind. Für kleine Verlage sei dies in der Regel keine Option.

Auswirkungen von Preissteigerungen

Wie in jeder Wirtschaft bedeuten steigende Preise eine sinkende Nachfrage, falls das Einkommen nicht gleichzeitig im gleichen Maße steigt. Was im Normalfall durch neue Lohnabschlüsse an die Inflation angepasst wird, wird bei Strafzöllen nicht möglich sein. Das das maximal verfügbare Einkommen potentieller Kunden nicht um 25%  steigen wird und auch die Preissteigerungen in den ganzen anderen Bereichen der Wirtschaft durchschlagen werden, wird der höhere Preis für ein Spiel (im Beispiel 75$ auf 93,75 $) für eine sinkende Nachfrage sorgen. Die sinkende Nachfrage schlägt wieder zum Verlag durch, der dann gezwungen ist die Kosten zu senken. Irgendwann kommen die Verlage an einen Punkt, dass die Einsparung nur durch Entlassung realisierbar ist. Weniger Personal bedeutet weniger Produktivität und das bedeutet weniger Spiele auf den Markt.

Das ist die Situation im besten Fall. Sollte ein Verlag verspätet reagieren oder sonst Probleme haben, kann es schnell das Aus bedeuten. Für SpielerInnen führt das zu weniger Auswahl bei höheren Preisen. Eine wenig erstrebenswerte Situation.

Kickstarter – was passiert hier?

Zum einen ist gerade der amerikanische Markt der Antreiber des unglaublichen globalen Wachstums von Brettspielen auf der Welt geworden. Kickstarter ist ein enormer Beschleuniger für die Branche geworden und die Millionenumsätze steigen dort seit Jahren stetig. Sollte nun Spiele aufgrund der plötzlichen und nicht vorhersehbaren Preissteigerung nicht mehr realisierbar sein, weil zu knapp kalkuliert wurde, könnten bereits finanzierte Projekte komplett sterben. Das hätte enorme Auswirkungen auf die Reputation von KS-Projekten und würde die Bereitschaft senken in Projekte zu investieren.

Kleinen Verlagen dürfte das auf die Füße fallen und eine Realisierung könnte unerschwinglich werden. Zukünftige Projekte von amerikanischen Verlagen würden im Preis deutlich steigen, wie schon hergeleitet würden auch deutsche Versionen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit betroffen sein. Selbst eine Mögliche Anpassung dürfte mindestens Monate dauern.

Fazit

„Amerika First“ ist schon lange eine bittere Medizin für die ganze Welt inklusive der amerikanischen Bevölkerung. Die Auswirkungen auf die Spielebranche könnte Finanziell als auch bezogen auf Innovation bremsend wirken, Umsatz und Auflagen gehen den Verlagen verloren. Sollten die Zölle kommen würde es vermutlich erst zeitversetzt Ende 2019 Anfang 2020 einschlagen, dann aber heftig und Auswirkungen auf die Vielfalt haben.

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Quelle: https://www.polygon.com/2019/6/5/18652411/trump-china-tariff-board-games

Tags: Crowdfunding, Branche, Kickstarter

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