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TEST // Custom Heroes

TEST // Custom Heroes

Wer in den letzten Jahren nicht völlig hinter allen Bergen verschollen war wird es nur zu gut kennen: das Crafting. Für alle anderen… Crafting ist das schrittweise individuelle Gestalten und Aufwerten von Objekten oder Charakteren. Es ist fester Bestandteil von Videospielehits wie World-of-Warcraft

und dem schwedischen Überraschungserfolg Minecraft. Seitdem hat sich Crafting wie ein Lauffeuer in der Spielewelt verbreitet… Naja, der Videospielewelt sollte ich besser sagen, denn auf dem Brettspieltisch war das individuelle Modifizieren bislang eine Rarität. Nun bringt John D. Clairs Custom Heroes eben jenes Prinzip an unsere Wohnzimmertische. Ob und wie die Umsetzung gelingt verrate ich im nachfolgenden Test.

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Custom Heroes ist 2018 bei AEG erschienen und lädt 2-6 Spieler ab 10 Jahren auf etwa 45-minütige Kartenschlachten ein. Wem der Name John D. Clair bekannt vorkommt, ist vielleicht mit seinen anderen Kreationen Downfall oder der Mystic Vale Serie vertraut, die bereits bei uns getestet wurde. 

Custom Heroes kommt in einer kleinen aber hochwertig gestalteten Schachtel. Die Materialien wirken sauber verarbeitet, insbesondere die 60 Charakterkarten in durchsichtigen Hüllen sowie 84 Craftingkarten wirken robust. Zusätzlich enthält die Box einen Stoffbeutel für Marker/Karten, Sichtschutze sowie einige Reservehüllen. Insgesamt wirkt das Material klar und übersichtlich und ist von Grafiker Matt Paquette detailreich gestaltet. Ob der Zeichenstil aber den Geschmack trifft liegt bekanntlich im Auge des Betrachters… Mir persönlich betont der japanisch angehauchte Stil zu sehr die weibliche Oberweite. Außerdem wäre ein zweiter Beutel wäre schön gewesen, da sich so Chips und Karten abwechselnd einen teilen müssen.

Nun aber zu der wirklich wichtigen Frage: Wie funktioniert das Karten-Crafting-Spiel überhaupt? Zunächst machte Custom Heroes einen komplexen Eindruck auf mich, doch je weiter ich im Regelwerk las desto mehr fühlte ich mich an ein Stichspiel erinnert, welches in meiner Region Deutschlands als A****loch   bekannt ist. Die Spieler werfen dabei der Reihe nach Skatkarten von der Hand und versuchen die vorhergelegten zu übertrumpfen, um letztlich den Stich zu gewinnen und neu anspielen zu dürfen. Wer als letztes seine Karten loswird, ist das A****loch und muss neu austeilen. Ähnlich funktioniert Custom Heroes auch. Nach jeder Runde werden jedoch Siegpunkte, Powermarker und Craftingkarten verteilt, die sich auf den Verlauf einer Partie auswirken. Hat man beispielsweise eine 3 und 7 auf der Hand, kann man durch einen Kniff die 3 um vier Punkte aufwerten und so zwei Siebenen spielen. Andere Modifikationen erlauben es, eine Karte zu verdoppeln, eine Karte als Joker zu spielen oder Wertungsreihenfolge umzudrehen, sodass nun niedrigere Karten höhere trumpfen. Um eine Karte aufzuwerten, wird die Modifikation lediglich in die Hülle geschoben und schon führt Satoshi ein Schwert. Seht selbst:      

Interessanterweise sind die Modifikationen für die Dauer einer Partie permanent. Somit behält Satoshi sein Schwert auch wenn die Karten nach Ende einer Runde neu ausgeteilt werden. Gewinner ist, wer zuerst 10 Siegpunkte erlangt und anschließend eine weitere Runde für sich entscheiden kann.

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Mein Fazit:

Als ich Custom Heroes zum Review bekommen habe, habe ich mich sehr darauf gefreut. Ich war neugierig, wie John Clair die Craftingmechanik in einem Kartenspiel umsetzen würde und ob sie funktioniert. Nach einigen Probepartien kann ich sagen: ja, sie funktioniert… aber macht nicht so richtig Spaß.  

Für Custom Heroes nutzt John Clair altbekannte und bewährte Stichspielmechaniken und kombiniert sie mit dem innovativen Kniff der individuellen Aufwertung. Und das klappt auch ganz gut: die Partien sind flüssig, es ist reichlich Interaktion geboten und es entstehen viele spannende Momente auf dem Wohnzimmertisch. Leider komme ich nicht umhin zu glauben, dass mehr die erprobte Stichmechanik dabei den Spaß vorantreibt als das neuartige Craftingsystem. Der Reiz am Individualisieren ist, dass ich ein Objekt oder einen Charakter nach meinen Wünschen gestalten kann, dass ich Arbeit investiere, um die nötigen Ressourcen für das Upgrade zu sammeln und so eine persönliche Bindung entsteht. Eine von vielen Dreien um vier Punkte aufzuwerten, nur um sie im nächsten Moment gepaart mit einer Sieben loszuwerden erreicht für mich dieses Ziel nicht. So bleibt das Craftingsystem leider blass, es macht das Stichspiel komplizierter aber nicht wesentlich aufregender. 

Insgesamt ist Custom Heroes ein durchdachtes Spiel und das Aufwerten der Karten funktioniert – zumindest oberflächlich. Ich werde es sicher noch einmal hervorholen aber langfristig werde ich wohl wieder zum Skat-Deck greifen.        

custom Heroes Wertung 

Bilder zum Spiel

Tags: Kartenspiel, 45 Minuten, 2-6 Spieler, Glückslastig