TEST // Holding On - Das Leben des Billy Kerr

TEST // Holding On - Das Leben des Billy Kerr

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Als ich das erste Mal von “Holding On” gelesen habe, stellte ich mir direkt die Frage, ob ich Lust dazu habe ein Spiel zu spielen, bei ich einen Menschen beim Sterben begleiten soll. Nachdem ich die Regeln gelesen hatte, war die Frage nicht mehr so stark im Vordergrund, da es weniger der Palliativgedanke ist, der hier im Vordergrund steht, sondern vielmehr das Sammeln von Erinnerungen und das Erleben einer Geschichte. Und diese Idee gefiel mir dann sehr gut, da sie für mich einen sehr interessanten, erzählerischen Ansatz nutzte, der mich neugierig auf das Spiel machte.

Doch bevor das Sammeln von Erinnerungen losgehen kann, gilt es zunächst die monotone Arbeit der Pflegekräfte zu meistern. Beim Lesen der Regeln hörte sich dieser Teil noch wie eine kleinere Pflichtaufgabe an, entwickelte sich aber recht bald zum großen Drama. Es fing damit an, dass es gleich zu Beginn zwei lebensbedrohende Situationen bei Billy gab, weswegen das Team sich gleich in zwei Schichten damit beschäftigen musste, die physische Gesundheit beim Patienten stabil zu halten. Dadurch blieb am Ende nicht mehr allzu viel Zeit für geistige Pflege, weswegen es direkt ohne Erinnerungen aus der ersten Runde ging.

Und auch an den nächsten Tagen wurde es nicht unbedingt besser, bis irgendwann die Entscheidung getroffen wurde, die körperliche Gesundheit nur noch so weit aufrecht zu halten, dass Billy nicht direkt dem Tod ins Auge blicken muss. Und was soll ich sagen, das fühlte sich rein von der Mechanik betrachtet als absolut richtige, strategische Entscheidung an, aus rein moralischen Gesichtspunkten allerdings absolut falsch. Auf einmal waren meine anfänglichen Befürchtungen wieder ganz nah, dass ich eigentlich niemandem beim Sterben zusehen möchte, geschweige denn ihn aus rein egoistischen Gründen untätig in den Abgrund driften zulassen. Immerhin nahm ich es billigend in Kauf, seine Lebenskraft für Erinnerungen zu opfern.

Als durch die fragwürdige Taktik mehr Erinnerungskarten reinkamen, gab es dann das nächste Problem. Es wurden zwar immer wieder vage Erinnerungen eingesammelt und es wurden Versorgungsmarker ausgegeben, um daraus klare Erinnerungen zu machen, nur leider kam es viel zu oft vor, dass diese nicht passten und die klaren Erinnerungen wieder ins Deck zurück gemischt werden mussten. Nicht nur, dass es zu oft vorkam, dass wir klare Erinnerungen nicht auslegen konnten, kamen auch regelmäßig Zwischenfälle beim Ziehen von Erinnerungen auf. Diese sind Teil der beiden Stapel mit Erinnerungen und rufen Komplikationen hervor. Und umso leerer das Deck wird, umso wahrscheinlicher werden Zwischenfälle. Der Glücksfaktor beim Spiel ist immens hoch. Das beginnt beim Ziehen der Patientenkarten, bei denen negative Effekte komplett blockieren können. Es geht weiter beim Ziehen aus den Erinnerungsstapeln, bei denen Zwischenfälle nicht nur neue Erinnerungen verhindern, sondern zudem auch noch für weitere Probleme sorgen. Und zu guter Letzt benötig man auch immer wieder Glück, dass die klaren Erinnerungen auf der Hand mit einer vagen Erinnerung im Raster übereinstimmen, weil sie anderenfalls wieder zurück gemischt und somit erneut erarbeitet werden müssen.

Ich kann wirklich nicht sagen, dass “Holding On” mich als Spiel sonderlich begeistert hat, was sich sicherlich auch unschwer aus meinen Ausführungen herauslesen lässt. Wo mich das Spiel aber auf jeden Fall gepackt hat, ist bei der Idee, eine Geschichte über einzelne Erinnerungen zu erzählen. Was am Ende als Lebenslinie rauskommt, ist zwar ganz sicher nicht die allergrößte und dramatischste Erzählkunst. Aber durch den etwas voyeuristischen Blick von außen auf ein menschliches Schicksal, mit all seinen Höhen und Tiefen, bei dem durch das Auslegen von anfangs vagen und später klaren Erinnerungen immer mehr ein Gesamtbild entsteht, wird man als Spieler schon gefesselt. Wenn mit dem letzten Szenario noch die drei größten Momente der Reue aufgedeckt werden müssen, welche die Lebensgeschichte endgültig abrunden, hat das schon etwas sehr, sehr interessantes. Schade nur, dass die Mechanik drumherum zu monoton und eintönig daherkommt und zusammen mit dem hohen Glücksfaktor den Spaß am Entdecken nahezu vollends zunichtemacht. Am meisten stört mich am Ende, dass es die beste Strategie ist, Billys körperlichen Probleme weitgehend zu ignorieren und ihn leiden zu lassen, nur um an möglichst viele Erinnerungen zu kommen. Das wirkt auf mich moralisch höchst fragwürdig und falsch und bei der ernsthaften Thematik des Spiels höchst unangemessen.

Holding On Wertung

Bilder zum Spiel

Tags: Kartenspiel, Kooperativ, 2-4 Spieler, Sets erstellen, Worker Placement, Storytelling, Memory, Murder/Mystery, Medizin

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