INTERVIEW // 45 Minuten mit Uwe Rosenberg

Verfasst von Daniel Krause am .

Auf der Spielemesse in Essen hat ich das Glück, rund 45 Minuten mit Uwe Rosenberg über die Messe zu gehen, und einige Fragen zu stellen. Dabei sprachen wir über Lieblingsspiele, über Familie und Ideen, aber auch die Entwicklung der Spielebranche.



Auf der Messe ist Uwe Rosenberg ein gefragter Mann. Dieses Jahr, so sagt er mir, habe er den Fokus auf das Publikum. Er gebe fleißig Unterschriften und nimmt sich die Zeit mit den Menschen zu sprechen. Da er einer der erfolgreichsten deutschen Autoren ist, der die Spieleszene mitgestaltet hat, ist die Nachfrage kaum verwunderlich. Neben den aktuellen Spielen aus 2016 ist nächstes Jahr das zehnjährige Jubiläum von “Agricola”, dass von Lookout Spiele groß gefeiert werden wird.

Die Geschichte von Uwe Rosenberg beginnt aber nicht erst mit “Agricola”. Vielmehr bringt er seit seinem Studium Spiele raus.

Der Spaß am Spiele Entwickeln entstand schon viel früher. Als 12 Jähriger Junge hatte ein Freund von ihm angefangen ein Spiel selber zu erstellen. Da hat er es auch ausprobiert. Jedoch war es erst noch nicht von Erfolg gekrönt.

Den Spaß an der Sache hat er erst beim Weiterentwickeln des MB Spiels “KOJAK” gefunden. “Ich kann jedem nur empfehlen, mit einer Weiterentwicklung eines bestehenden Spiels anzufangen, das ist der beste Einstieg in das Spiele Entwickeln”.

Diese Freude ließ ihn dann nicht mehr los. Er entwickelte verschiedene Spiele und nahm an Autorenwettbewerben teil. Dort wurden die ersten Kontakte geknüpft und dann konnte endlich das erste Spiel veröffentlicht werden. Zu der Zeit machte sich Uwe schon Gedanken über den nächsten Schritt. “Magic - The Gathering” lief enorm erfolgreich. Der herausgebende Verlag ging jedoch davon aus, dass nach drei Jahren die Luft raus sei und suchten schon nach einem Nachfolger. Als der Erfolg dann nicht abbrach hatte Uwe trotzdem ein Kartenspiel entwickelt, welches es in sich hat.

Mit Amigo fand er einen Verlag, der das Spiel unter dem Namen “Bohnanza” veröffentlichen würde. Der Rest ist Geschichte. Das Spiel wurde ein Riesenerfolg und ist bis heute ein beliebtes Kartenspiel.




Dem Spieleentwickeln ist er - zum Glück - bis heute treu geblieben. Angesprochen auf seine Motivation, immer neue Spiele zu entwickeln, schaut er leicht verdutzt. “Na, weil meine Kinder ernährt werden müssen. Das ist mein Beruf.”

Das ist tatsächlich ein guter Grund. Vier Kinder sind es mittlerweile, alle noch im Kleinkindalter und jünger. “Zur Zeit komme ich einfach nicht mehr viel zum Spielen. Bis auf meine eigenen Spiele in der Entwicklung, spiele ich derzeit kaum. Das wird sich sicher erst in ein paar Jahren wieder ändern.” Interessiert ist er an anderen Spielen aber durchaus. “Terraforming Mars”, “Mystic Vale” oder “Great Western Trail” wolle er sich unbedingt anschauen.

Als wir an einem Stand vorbei kommen, an dem eine kleine Liste hängt, bleibt er kurz stehen und liest sich die Tabelle durch. Es ist die aktuelle Bewertung der Messebesucher, die abstimmen können, welche Spiele ihnen am meisten gefallen. Uwe ist gleich mit zwei Spielen in den Top 10. “Ein Fest für Odin” ist auf Platz eins mit “Terraforming Mars” und “Great Western Trail”. “Cottage Garden” unter den besten 5. Er nimmt das gelassen zur Kenntnis und erklärt mir, dass diese Abstimmung früher das wichtigste auf der Spiel war. Heute, in Zeiten des Internets, bei denen jederzeit Umfragen gemacht werden können, sei es nicht mehr ganz so wichtig.

Apropos früher: Als wir von alten Zeite sprechen, erinnert sich Uwe an die Jahre rund um 2000. Da stagnierte die Branche und oft hatten die Verlage die Spiele ausgestellt, die denen des Vorjahres frappierend ähnlich waren.

Auf die Frage, wie es dann zur Umkehr gekommen sei fängt er an zu lächeln. Das sei einfache Mathematik. Zwei Autoren haben tolle Spiele gemacht mit neuen Ideen. Das habe zwei weitere dazu gebracht, sich Spiele auszudenken. Dann waren es schon vier Autoren und die haben wieder vier dazu gebracht und so weiter und so fort. Mittlerweile explodiere die Branche ja gerade so vor Ideen und neuen Spielen. Ein Ende sei da noch nicht in Sicht. Es könnte sein, dass es gerade erst der Anfang ist, den wir erleben.Das sei natürlich nur eine Annahme, aber es könne durchaus sein.

Für ihn persönlich hat es natürlich ebenfalls Auswirkungen. Er bekomme heute viel mehr Aufmerksamkeit, wenn er neue Projekte ankündige. Er versuche auch viel mehr auf Rückmeldungen einzugehen und hinzu hören, wenn er fundierte Meinungen zu seinen Spielen bekommt.




Als wir am Stand ankommen, an dem wir unser Gespräch führen wollen, wird er von einigen Personen ganz aufgeregt angeschaut. Uwe registriert das kaum, doch auch das ist ganz sicher ein Aspekt der neuen Entwicklung, Spieleentwickler könnten bei weiteren Wachstum immer mehr zu “Star” ähnlichen Personen werden. Dass er während der Messe rund 200 Selfies gemacht hat, spricht für diesen Trend.

Wir setzten uns hin und Uwe bittet um eine kurze Pause. Sein Tag war bisher schon mental fordernd. Er habe unzählige Spiele signiert und wenn er das mache, dann sei er auch vom Kopf her bei den Menschen, die ihn darum bitten. Dann setzen wir unser Gespräch fort.

“Spiele sind wichtig, sie bringen uns die Menschlichkeit. Videospiele seien zwar toll, aber das Miteinander fehle dann am Ende doch. Das bringt dann viele Menschen wieder an den Tisch um gemeinsam zu spielen” Jetzt merkt man, dass es ein Thema ist, das Uwe wichtig ist. “Es wird immer mehr Gamifikation geben. Gamifikation ist die Anwendung spiel­typischer Elemente in einem spielfremden Kontext. Ich persönlich mag es viele Dinge im Leben spielerisch anzugehen. Wenn es zum Beispiel bei Real für 100 € einen 10 € Gutschein gibt, dann kaufe ich dort mehrmals ein, Dinge die nicht schlecht werden, die man immer brauchen kann. Und dann versuche ich so knapp wie möglich über die 100 € zu kommen...” sagt er mit einem verschmitzten Lächeln und fügt an: “Damit meine ich dann 101 Euro”.

Wenn wir schon über Spiele reden, will ich natürlich auch wissen, wie Uwe auf die komplexen Spiele kommt.

“Ich lege mich auf das Bett, mache die Augen zu und denke nach. Irgendwann kommt ein Punkt, an dem ich das Gefühl habe dass es passen könnte. Dann setze ich mich an den Tisch und mache ganz viele Zettel und lege los”.

Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein muss “Arler Erde” oder “Ein Fest für Odin” auf Zetteln darzustellen. Mein Vorstellungsvermögen reicht nicht aus und natürlich will ich wissen wie das gehen soll.

“Es ist nicht so, dass ich das Spiel sofort da habe wo es am Ende steht. Es gibt als erstes immer einen Spielreiz. Es muss ein Grund geben ein Spiel zu spielen. Dieser Reiz muss von Anfang an da sein. Dann kommt der nächste Aspekt dazu der ebenfalls passen muss. Ich habe da nie eine fertige Idee im Kopf, sonder höre dem Spiel zu. Das Spiel entwickelt sich aus sich heraus. Auch der Hintergrund muss ganz früh vorhanden sein, damit die Spielaspekte dazu passen, die sich nach und nach anfügen. Wichtig ist mir auch passive statt aktive Aktivität. Das bedeutet, dem Mitspieler nichts wegzunehmen, sonder ein Feld zu blockieren, so dass er dann ein anderes verwenden kann. Das Gefühl beim Spielen ist ein anderes.”

Wenn man Uwe Rosenberg über seine Spiele reden hört und wie sie entstehen, werden zwei Dinge schnell deutlich. Erstens: Sein Erfolg ist kein Zufall, auch wenn er einräumt bei “Patchwork” einfach Glück gehabt zu haben. Er arbeitet an seinen Spielen und hinterfragt immer alles und vor allem hört er trotz seiner Jahrzehnte als Spieleautor auf die Rückmeldungen seiner Fans. Auch hier merkt man, dass er sich selber sehr zurücknimmt. Wichtig ist für ihn nur, dass am Ende immer das bestmögliche Spiel entsteht, und das gelingt ihm immer wieder.

Zweitens: Er arbeitet er eher wie ein Künstler, der eine Skulptur aus dem Stein meißelt. Am Anfang ist ein großer Klotz und am Ende ist daraus ein filigranes Kunstwerk entstanden, dass viele Details und Facetten aufweist.

Doch nach der Vergangenheit, über die Gegenwart, kommen wir zum Ende des Gesprächs in der Zukunft an. Natürlich will ich wissen, was auf uns Spieler wartet. Aktuell habe er fünf Spiele in der Entwicklung. Eins sei in Ägypten angesiedelt. Mehr mag er dann dazu nicht sagen. So oder so überwiegt die Vorfreude, auf seine neuen Werke - egal wie viel man schon weiß. Die Zeit dazwischen können wir ein Fest mit Odin feiern, oder uns um unseren Cottage Garten kümmern.

Vielen dank für die Zeit und das Gespräch Uwe!

Bildquelle: Anleitung Agricola Familienversion

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